Wenn ein Zulieferer entscheidet, wer erreichbar ist - Netzneutralität? Ja, aber :(

  • Seit dem 12. September ist eine meiner Seiten in wenigstens zwei Ländern gesperrt. Nicht abgestraft, nicht deindexiert, nicht langsam, schlicht nicht erreichbar. Wer sie aufruft, bekommt eine Warnseite, die ihm sagt, das Ziel sei gefährlich.

    Ich schreibe das hier auf, weil der Fall eine Risikoklasse sichtbar macht, die in unserer Branche praktisch nicht auf dem Schirm ist. Und weil ich überlege, ob man daran etwas ändern kann, dazu am Ende mehr.

    Was passiert ist

    Betroffen ist alkoholiker-forum.de, eine gemeinnützige Selbsthilfe-Community für Alkoholabhängige und deren Angehörige. Am 12. September meldeten die ersten Nutzer, dass die Seite im Netz von o2 blockiert wird. Kurz darauf kamen dieselben Meldungen aus Österreich, dort aus dem Netz von A1.

    Der Zustand der Seite: sauber. Google Safe Browsing meldet nichts. VirusTotal meldet nichts. urlscan.io und Norton Safe Web melden nichts. Die Google Search Console zeigt keine Sicherheitsprobleme. Ein vollständiger Audit am selben Tag blieb ohne Befund, die täglichen Malwarescans ebenfalls. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass irgendetwas an der Seite kompromittiert wäre.

    Eine Benachrichtigung habe ich nie bekommen. Ich habe es erfahren, weil Nutzer es im Forum gemeldet haben.

    Warum zwei Länder gleichzeitig

    Das ist der interessante Teil. Der o2 Onlineschutz und A1 Net Protect sind keine zwei unabhängigen Systeme. Beide laufen auf derselben Plattform, Whalebone Aura, entwickelt von einem tschechischen Anbieter in Brno. o2 kam über den Wayra-Innovationshub dazu, A1 über den A1 Start Up Campus; inzwischen ist die A1-Gruppe in mehreren Ländern darauf umgestellt.

    Technisch ist das ein DNS-Filter. Jede Adresse, die ein Nutzer im Netz aufruft, wird gegen eine zentrale Reputationsdatenbank geprüft. Steht die Domain dort als gefährlich, liefert das Netz statt der Seite eine Warnung aus.

    Damit ist klar, was hier vorliegt: kein Konfigurationsfehler bei einem Provider, sondern ein einzelner Eintrag in einer Datenbank, die von Dutzenden Telkos in mehreren Ländern gemeinsam genutzt wird. Derselbe Anbieter führt außerdem das DNS4EU-Konsortium der EU-Kommission an.

    Ein falscher Eintrag, und eine Domain ist für Millionen Anschlüsse gleichzeitig weg.

    Warum das ein SEO-Thema ist

    Weil keines unserer Werkzeuge das sieht.

    Rank-Tracker prüfen aus Rechenzentren, nicht aus Mobilfunknetzen. Die Search Console kennt Googles Sicht, nicht die eines DNS-Filters. Uptime-Monitoring schlägt nicht an, weil der Server tadellos läuft. Analytics zeigt keinen Fehler, sondern einfach weniger Nutzer, und weniger Nutzer erklären wir uns reflexhaft mit Rankings, Saisonalität oder einem Core Update.

    Eine Domain kann in einem der größten Netze des Landes praktisch nicht existieren, während das komplette Standard-Monitoring grün bleibt. Ich habe es nur erfahren, weil meine Nutzer ein Forum haben, in dem sie sich beschweren können. Ein Shop ohne Community hätte wochenlang gerätselt, warum die Conversion auf Mobil einbricht.

    Das ist keine theoretische Lücke. Das ist ein blinder Fleck in der Art, wie wir alle Sichtbarkeit messen.

    Zur Netzneutralität, die ehrliche Einordnung

    Der erste Impuls ist, das als Netzneutralitätsverstoß zu framen. Ich halte das für falsch, und ich sage lieber gleich warum, bevor es jemand anders tut.

    Die Verordnung (EU) 2015/2120 verpflichtet Provider zur Gleichbehandlung des Datenverkehrs. Die BEREC-Leitlinien sehen dabei Filter, die der Endnutzer selbst wählt und jederzeit abschalten kann, ausdrücklich als zulässig an, die Entscheidung liegt beim Kunden, nicht beim Netzbetreiber. Der o2‑Onlineschutz ist eine buchbare Option für 2,49 € im Monat, monatlich kündbar. Damit fällt er in genau diese Kategorie.

    Wer mit "Netzneutralität" aufschlägt, bekommt diesen Absatz als Antwort und hat das Gespräch verloren.

    Das eigentliche Problem: es gibt kein Verfahren

    Der Punkt, an dem die Sache tatsächlich angreifbar ist, ist ein anderer.

    Ich habe als Betreiber zu keinem der Beteiligten ein Vertragsverhältnis. Nicht zu O₂, nicht zu A1, nicht zum Anbieter der Datenbank. Ich bin der Dritte, über den entschieden wird. Und für diesen Dritten existiert kein geordnetes Verfahren:

    • keine Benachrichtigung, wenn die eigene Domain eingestuft wird
    • keine Begründung, keine Angabe der Kategorie
    • kein öffentlich dokumentierter Einspruchsweg mit Bearbeitungsfrist
    • keine Auskunft, wie lange eine Prüfung dauert oder wer sie durchführt
    • keine Information darüber, in wie vielen Netzen die Einstufung wirkt

    Es gibt eine Meldeadresse. Die ist nicht offensichtlich, man muss sie suchen, und was danach passiert, ist für den Betroffenen eine Blackbox.

    Zum Vergleich: Google Safe Browsing benachrichtigt über die Search Console, nennt die Kategorie, bietet einen Antrag auf Überprüfung und kommuniziert Bearbeitungszeiten. Kein perfektes System, aber ein System. Genau das fehlt hier, und zwar bei einer Infrastruktur, die Reichweite in mehreren EU-Ländern gleichzeitig steuert und die über DNS4EU zusätzlich öffentlich gefördert wird.

    Eine private Reputationsdatenbank entscheidet faktisch über Erreichbarkeit. Das ist legitim, solange sie funktioniert. Was fehlt, ist der Weg für den Fall, dass sie es nicht tut.

    Was mich an diesem konkreten Fall besonders stört

    Die betroffene Seite ist ein Suchthilfe-Angebot. Ein erheblicher Teil der Nutzer kommt dort in dem Moment an, in dem sie sich zum ersten Mal überhaupt Hilfe suchen, oft nachts, oft anonym, oft nach langem Zögern.

    Diese Menschen bekommen eine Warnseite, die ihnen sagt, das Angebot sei gefährlich. Ein Teil von ihnen wird es nicht noch einmal versuchen.

    Bei einem Shop wäre das ein Umsatzproblem. Hier ist es etwas anderes.

    Was ich vorhabe, und wo ihr helfen könnt

    Ich bin dabei, den Fall über die regulären Wege zu klären: Meldung an den Datenbankanbieter, parallel an beide Provider mit der Bitte, die Domain über ihr Admin-Portal als Fehleinstufung zu melden. Das wird vermutlich irgendwann funktionieren.

    Interessanter ist die Frage dahinter: Wie viele solcher Fälle gibt es, von denen niemand erfährt?

    Konkret bitte ich um zwei Dinge.

    Erstens: Prüft eure eigenen Domains. Für o2 gibt es eine Testseite unter test-o2onlineschutz.de, für A1 unter dns-test.a1.at. Damit seht ihr, ob der Filter auf einer Verbindung aktiv ist. Den eigentlichen Test macht ihr, indem ihr jemanden mit einem Anschluss im jeweiligen Netz eure Domain aufrufen lasst. Wenn ihr Kunden in Branchen betreut, die bei Filtern erfahrungsgemäß anecken, Gesundheit, Sucht, Recht, Glücksspiel, Erotik, Waffen, alles mit Nutzer-Uploads, würde ich das nicht auf später verschieben.

    Zweitens: Meldet mir eure Fälle. Wenn ihr schon einmal eine Sperre in einem Providernetz hattet, interessiert mich: Domain, betroffenes Netz, Zeitraum, Wortlaut der Warnseite, ob und wie schnell ihr sie wieder loswurdet. Gern hier im Thread oder per PN, auf Wunsch anonymisiert.

    Wenn dabei genug zusammenkommt, wird daraus etwas, das man vorlegen kann. Adressaten gäbe es genug: die Bundesnetzagentur führt Beschwerdemöglichkeiten für Endnutzer, in Österreich ist die RTR zuständig, und beim DNS4EU-Konsortium liegt eine öffentlich geförderte Verantwortung für Verfahrensfragen.

    Die Forderung wäre bescheiden und deshalb durchsetzbar: ein dokumentierter, öffentlich auffindbarer Meldeweg für Domaininhaber, mit Benachrichtigung, Begründung und einer verbindlichen Bearbeitungsfrist. Nicht das Ende der Filter. Nur ein Verfahren.

    Wer mitziehen will, meldet sich. Wer das für übertrieben hält, auch, dann diskutieren wir das aus.

    Nachtrag folgt, sobald sich beim Status etwas ändert.

    wenn etwas möglich erscheint mach ich das, wenn das nicht klappt gehts ans unmögliche und ansonsten das undenkbare.

    - nun stolz rauchfrei - Ich denke also Bing ich!

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